Reportage: Tierwohl in der Fischzucht, ernüchternde Erkenntnisse einer Fachtagung.

Bericht über eine Fachtagung, organisiert von fair fish 2016, Autor Christoph Gysi

Prolog: Ausgefischt, leergefressen. Die Bevölkerungsexplosion rottet den Fisch aus. Es geht hier darum, welche Fische heute noch mit einem Gewissen gegessen werden sollten. Ein gutes Gewissen ist nicht mehr möglich, der Fischfang ist weltweit am Anschlag, die Fischzucht kontrovers. Bei Landtieren kann noch weiter ausgebaut und intensiviert werden, durch Abholzung kann noch mehr Kraftfutter angebaut werden. Bei Fischzuchten ist das nur bedingt möglich: Fischzucht in Kreislaufanlagen in der Nähe der Konsumzentren beispielsweise sind eigentlich nur im industriellen Mass wirtschaftlich möglich, da haben traditionelle Fischer und Bauern nichts zu suchen. Zwei Drittel des Zuchtfisches kommt heute allerdings aus der dritten Welt in Fischereiverwandten Gebieten. In den letzten 10 Jahren hat die Aquakultur beim Fischkonsum statistisch gesehen den Wildfischfang überholt. Der Zustand der Fischbestände in europäischen Meeren ist zu 85% ausserhalb gesunder Grenzen geraten. Der Abgrund für Fischfang droht.

Teilnehmer*innen der Tagung:
-Susanne Hagen, Geschäftsführerin fair fish; Begrüssung und Überblick.
-Billo Heinzpeter Studer, Präsident fair fish; wissenschaftliche Grundlagen für die Beurteilung des Fischwohls.
-Dr. Manfred Klinkhardt, Fachredaktor Fischmagazin; Fischzucht heute.
-Dr. Rüdiger Buddrus, chef Division Seafood, Micarna; wie kann ein grosser Detailhändler Fischwohl in der Fischzucht fördern.
-Peter Zeller, CEO Fresh Meeresfischzucht Völklingen; indoor farming im Grossformat, ein Ansatz für mehr Fischwohl.
-Marc Mössmer, Geschäftsleiter biofisch.at; extensive Tierhaltung und Tierwohl.
-Dr. Rainer Froese, IFM Geomar und FishBase; besser Fische in der Wildnis fangen, anstatt sie einzusperren.

Existiert Ökologie in der Fischzucht?

Wenn ich an Fischzucht denke, kommt mir sofort das positive Beispiel der Bio-Knospe Doraden in den Sinn. Heute kommen nur noch 10% der Doraden im Handel aus Fischerei, 90% kommen aus Aquakultur. Leergefischt und dann gezüchtet, so läuft das. Meine Lieblingsdoraden kommen aus einer Bucht in Cannes und bewegen sich als Herden von 20’000 Tieren in grossen Netzen an der Küste, Besatzdichte 20 kg Fisch in einem Kubikmeter Wasser. Heile Welt und immer frisch im Coop! Hallo? Doraden ernähren sich unter anderem von Plankton. Das natürliche Plankton in der Bucht reicht nirgends hin, Fischfutter also. Intensivierung mit Bio-Getreide, Fischmehl und Fischöl, da läuten bereits das erste mal die Glocken der Ökologie und der Ethik: Resten von Fischabfällen oder nachhaltigen Futterfischfängen und Bio-Getreide, das tönt nach einem schönen Märchen: Futterfische können Umweltgifte enthalten und werden auch gleich leergefischt, somit fehlen sie im Meer als Nahrungsgrundlage für unzählige Tierarten….und wie alles heute, um das letzte quäntchen heraus zu pressen, eine sehr resourcenzehrende Methode. Da wird also viel Energie verbraten. Haben Sie schon einmal gesehen wie die Futterfische lebendig zerquetscht werden? Können Fische Schmerzen empfinden? Tier-Ethik ist also ebenfalls ein Thema. Der direkte Weg wäre eher der Versuch, Plankton zu züchten oder in grossen Veganfertigern Futter nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere herzustellen.

Ethik und Fischzucht

Nebst der Frage, ob Fische Schmerzen empfinden oder leiden können, ist die einfachste Antwort dazu die Förderung des Fischwohls. Schwierig zu verstehen, aber: Das Fischwohl ist eben entscheidender als das Fischleid und verhindert automatisch Stress und Schmerzen. Dem Fisch geht es am besten, wenn er das Potenzial seiner Art ausleben kann. Ethologie oder Verhaltensbiologie ist die Basis für mehr Fischwohl. Fördert ein Fischzüchter das Fischwohl, vermindert er automatisch Leiden. Klar oder? Bei 450 Arten in Aquakultur haben wir das heute aber noch gar nicht erschöpfend gecheckt und die Fragezeichen sind gross. Bei unseren landwirtschaftlichen Haustieren, ungefähr 10 an der Zahl, sind wir bereits viel weiter. Bei der Beurteilung der „Farmability“ der 450 Fischarten sind wir noch stark überfordert. Wir nehmen in Kauf, dass das Fischwohl leidet!

Fisch aus der Fabrik: Fresh corporation, Kreislaufanlage in Völklingen (D)

Zahlen der globalen Aquakultur

Produktionsbereiche der Aquakulturen sind gewichtsanteilmässig (basierend auf Zahlen von 2016 insgesamt 101 Mio. Tonnen): 49% Fische, 27% Algen/Wasserpflanzen, 16% Muscheln und Schnecken, 7% Crustacea (Krebstiere). Wertschöpfungsanteilsmässig bringen die Custacea überdurchschnittlich viel, Algen und Wasserpflazen tendenziell weniger (von insgesamt 166 Miliarden US-Dollar). Ungefähr 85% aller in Aquakultur produzierten Fische sind Süsswasserarten, circa 11% sind marine Vertreter, der Rest sind Brackwasser-Arten. Voilà.

73 % der Produktion wertmässig liegt in Asien, gefolgt von Europa und Südamerika, Afrika und Australien. Von den marktrelevanten Fischarten wie beispielsweise Lachs stammt das meiste aus Aquakultur. Viele Fischzüchter erachten den pH und Sauerstoffgehalt des Wassers als wichtigste Zutat zum Wohlergehen der Lebewesen, die Übertragung der menschlichen Wahrnehmungen und Gefühle auf Fische werden als nicht sachgerecht beurteilt. Von Kreislaufanlagen in der Fischzucht (nur noch 3% des Wassers müssen täglich erneuert werden) sind wir noch weit entfernt, die Tötungsfrage (Electrocution???) ist zu grossen Teilen nicht geklärt. Die Betäubung zur Stressverhinderung hingegen ist bereits weit verbreitet, weil das die Fleischqualität erhöt. Nose to tail wäre auch bei Erzeugnissen von Aquakulturen erwünscht. Aber wer verarbeitet Fischabfälle heute noch zu Fonds? Da wären wir Konsumenten hier und jetzt gefordert. Würden wir keine Raubfische füttern und essen, könnten wir 10 mal mehr Fisch aus der Natur entnehmen! Forellen versus Karpfen ist hier die Frage. Forellen sind eigentlich resourcenverschleissende Veredlung mariner Biomasse und haben nichts mit ortsansässiger Binnenfischen zu tun. Lachs und Forelle sind CO2- und Energieschleudern. Ein Lichtblick wären mit Insekten-Larven gefütterte Forellen: Die Insekten und deren Larven zersetzen organische Abfälle und werden nachher den Forellen zum Frass gereicht.

Muschel- und Friedfischzuchten, welche sehr extensiv betrieben werden, haben den kleinsten ökologischen Fussabdruck. In der Intensivmast haben Kreislaufanlagen den kleinsten Abdruck. Da diese Anlagen sehr Kapitalintensiv sind, werden dort tendenziell teure, mit Wildfisch gefütterte Raubfische gehalten: Also eher ein Teufelskreis! Wer wirklich hardcoremässig umweltkorrekt Fisch essen will, soll bei Basel den Weg ins nahegelegene französische Sundgau mit seinen Karpfenteichen nehmen, aber bitte aufpassen das kann bös fischelä und pflotschig werden anstatt knusprig, knackig. Die Gastronomen sind dort zum Teil Sauhünd, ich habe bis jetz mehr schlechte als rechte Karpfen dort gegessen. La carpe frite zum Beispiel in der Couronne in Carspach wird im Internet hochgelobt, das wär glaub ein Versuch wert, gutbürgerlich stier, aber von frischknuspriger Qualität. Allez! Oder wie der österreichische Demter Karpfenzüchter Marc Mössmer bei Wien an der Fischzucht-Tagung in Zürich-West sagte: carpe diem….jeden Tag Karpfen.

Natürliche Teichfischzucht: Hier werden Weissfische wie Karpfen gezogen und gefangen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s