Reportage: 20 Jahre les halles und wie alles begonnen hat……..

Von Christoph Gysi
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In der leeren Halle ist es am schönsten: Pastis drinken und von Marseille träumen….aber meist ist es rammel voll
Diese kleine Dokumentation soll zeigen, wie die Stadt Zürich nicht zuletzt wegen der Liberalisierung der Gastronomie ihre Position überdacht hat und heute immer noch am Bauen ist, nachdem die Stadt eigentlich gebaut war. Kultur und Ausgehmöglichkeiten waren eine treibende Kraft, welche während der Jugendunruhen der Achzigerjahre entstanden ist. Am Zürcher Theaterspektakel entstanden erste Ausgehinseln, welche sich dann etwas improvisiert in der Stadt verbreiteten. Dilettantismus hat sich mit dem Zeitgeist überschnitten und es ist etwas Lebendiges entstanden. Etwas Grossstädtisches. Ohne Nachtleben und Kultur wäre Zürich West nicht das, was es heute ist. Das les halles gehört seit 20 Jahren dazu.

Holz- und Lebensmittelmeile

Die Entwicklung des ehemaligen Industriegebietes im Westen Zürichs und die dazugehörige Holz- und Lebensmittelhandelsmeile haben den Schmelztiegel Zürich West entstehen lassen. Das les halles ist Teil dieses klitzekleinen New York Feelings: Ein Lokal, immer laut und busy, welches an Brasserien in Grossstädten erinnert. Die Mischung aus Prime Tower, Gerold-Areal, Schiffbau, Hochschule der Künste, Clubs, Restaurants, Hardbrücke, Viadukt und weiteren kreativen Nischen machen den Charme des Quartiers aus.

Während der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts wurde auf
der grünen Wiese nicht allzu weit vom Zürcher Stadtzentrum entfernt ein Industriestandort der Schweizer Ingenieurkunst errichtet. Die Firma Escher Wyss AG, 1805 gegründet, beeinflusste die Entwicklung in Zürichs Westen stark und gab dem Gebiet auch gleich seinen Namen: Escher-Wyss-Areal. Wegen wirtschaftlicher Veränderungen in den 70er und 80er Jahren des nächsten Jahrhunderts wurde die Industrie in diesem Stadtgebiet immer unwichtiger.

Industrielle Nutzungen beschränken sich heute auf das MAN-Areal, welches 2002 von der Allreal gekauft wurde und die Coop Mühle, sowie die Migros Herdern- und Engros-Markt-Verteilzentralen. Der kantonale Zonenplan von 1995 hat die weitere Entwicklung in eine Zentrumslage mit hoher Dichte definiert. Die kooperative Entwicklungsplanung der Stadt mit den Grundeigentümern hat 1999 die heute geltenden Entwicklungsprinzipien definiert.

Das Gebäude, welches hier beschrieben werden soll, liegt im Zentrum des neuen Quartiers an der Pfingstweidstrasse 6 und ist eines der wenigen Relikte aus der Lebensmittelmeile und beherbergt heute zwei Restaurants, 2 Läden und Ateliers für Kreative. Das les halles, unser Untersuchungsobjekt, liegt etwas erhöht im Rampengeschoss. Das Haus wurde 1931 vom Verband Schweizer Konsumverein VSK aus Basel als Lagerhaus mit Kühlräumen gebaut. Später übernahm Coop das Gebäude und baute Geleise für die Anlieferung von Frischprodukten per Bahn.

Coop baute gegenüber an der Turbinenstrasse ein grösseres Lagergebäude (heute steht der Rennaissance Tower dort). Das leerstehende Gebäude aus den 30iger Jahren erlaubte es Beat Ledermann und Christoph Gysi ihren Grosshandel für Bio-Produkte, die Pico Bio AG, aus dem ehemaligen Schlachthof Wettingen 1997 in die Kühlräume im Untergeschoss an der Pfingsweidstrasse 6 zu verlagern. Die Pico Bio wurde 1995 als Aktiengesellschaft von den beiden Agronomie-Studienkollegen gegründet. Da das Rampengeschoss als An- und Auslieferung für die Lastwagen diente, wurde dieser Grundriss ebenfalls zugemietet, mit der vagen Idee, dort eine Markthalle und einen Abholermarkt einzurichten.

Entstanden sind schlussendlich ein Lebenmittelladen und nach der Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes 1998 ein Restaurant, welche 1999 beim Kauf des Gebäudes durch den ehemaligen Holzhändler Hartwag und dessen Stiftung Hamasil übernommen wurden. Die Stiftung unterstützt Personen, Einrichtungen und Projekte, die auf sozialem und kulturellem Gebiet sowie im Umweltschutz und zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität tätig sind. Die Erdgeschossnutzungen passten zum Stil der Stiftung und so überlebten das Gebäude und die Nutzungen die weitere Verdichtung des Quartiers.
Bei der Eröffnung der Markthalle bestand diese aus einem Palettenlager mit biologischem Grosshandelssortiment und der heutigen Bar mit 10 bewilligten Steh- und Sitzplätzen. Ein befreudetes Catering organisierte in der leeren Halle mit Bar immer am Donnerstag und Freitag den sogenannten Kochclub mit improvisierter Küche. Es tafelten und rauchten da gegen die hundert Personen – alles ohne Lüftung und so. Bald folgte die Schliessung durch die Wirtschaftspolizei mit baulichen Auflagen. Da kein Geld vorhanden war, musste alles in Eigenbau aufgebastelt werden und die Hamasilstiftung finanzierte die Lüftung vor. Alles wie ein schönes Märchen mitten im Entwicklungsgebiet.

Dank vielen Inputs und einem herzlichen Service am Gast haben
die Mitarbeitenden über die Jahre zu stets steigenden Umsätzen beigetragen. Der Grundteppich aus Dekoration und Angebot in einer Mischart aus Selbstbedienung und Bedienung hat zu überregionaler Bekanntheit geführt. Das Lädeli hinter dem Restaurant trägt heute erste Blüten. Dort werden auch Detaihandels-Lehrstellen angeboten. les halles war übrigens nie eine Peugeot-Garage, das sind Fake News aus dem Internet…..der Peugeot-Schriftzug über der Bar wurde beim Abriss der Peugeot Garage am Kreuzplatz zweckentfremdet.

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Das les halles Gebäude an der Pfingstweidstrasse um 1932

Zum Glück Schattenwurf

Vor 20 Jahren haben Stadtwanderer in der Industriebrache von Zürich West plötzlich eine Halle mit einer Bar, einigen Tischen und Gemüsepaletten entdeckt. Dort konnte man in einer improvisierten Küche etwas zu Essen ordern. Eine typische Zwischennutzung im Stadtentwicklungsgebiet.

Wir befinden uns heute im Jahre 2018 und ganz Zürich West ist gentrifiziert. Ganz Zürich West? Nein! Es gibt weiterhin Orte, wo charmante Ecken stehen und das Zürich West-Feeling gepflegt wird.

Zum Glück: Schattenwurf, im Schatten des Primetowers hat sich das les halles weiterentwickelt, das Publikum ist gemischter geworden. Die Hamasil Stiftung, welche die Liegenschaft liebevoll restaurierte, ermöglicht und glaubt an ein durchmischtes Quartier.

Und so sitzt tout Zurich weiterhin in diesem schattigen Loch oder auf den zwei sonnigen Terrassen und freut sich über die einfache Bistrotküche, die hausgemachte Patisserie und Baguettes aus der eigenen Boulangerie. Wir freuen uns auf
die nächsten 10 Jahre!

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Der Schattenwurf des Prime Towers geht bis über das rote les halles Gebäude. Zum glück!

Hinter dem Restaurant les halles…..einkaufen im Quartierlädeli

Das les halles befindet sich im Rampengeschoss der ehemaligen Früchte- und Gemüse-Verteillager von Coop Zürich und war für die Lagerung von Bananen und Paletten bestimmt.

Heute ist dieser Raum ein Slow-Food-Laden mit biologischen, italienischen und französischen Spezialitäten. Neu wurde eine kleine Boulangerie/Patisserie eingebaut – hier werden in der Nacht und am Tag Backwaren aus lange gereiften Teigen mit Bio-Mehl gebacken und Patisserie hergestellt.

Das Quartierlädeli hinter dem Restaurant passt sich laufend der Entwicklung im Quartier an. Bald wird gegenüber unserem Lädeli im Welti Furrer Areal einer der beiden orangen Detailhandelsriesen eröffnen und so ganz neue Kundschaft in unseren Laden schwemmen. Die Leute werden von Wipkingen, Höngg, Albisrieden und natürlich Zürich West an diese neue Futterkrippe kommen und das Zentrum von Zürich West weiter beleben.

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Von Salumeria über Bio-Frischprodukte und Naturweine bis neu Boulangerie/Patisserie wird im les halles take away market alles verkauft.

 

Diese Küche ist das Zentrum eines zuckenden Nervensystems, das jeden Abend zu kollabieren droht

Bienvenue dans «les halles»! Garçons wuseln durchs Getümmel, Neuankömmlinge ringen um Orientierung – und schaffen es schliesslich doch, am Tresen ihre Bestellung aufzugeben. Wenn sie ihren Platz wieder gefunden haben, hoffen sie, dass dies der Bedienung ebenfalls gelingen möge, und vertreiben sich die Zeit mit kleinen Häppchen, die sie sich auf dem Weg zurück am Buffet zusammengestellt haben. Obendrauf eine kross gebackene Scheibe Baguette au chèvre chaud, ein Leffe blonde, und das Glück ist komplett. Doch, parbleu!, es kommt noch besser. Der «Plat du jour», eine dicke Tranche Lachs mit ebenso dicker Hollandaise, serviert mit frischen Spargeln und Chili-Kartoffeln, ist schlichte, perfekte Cuisine du marché. Und erst die Moules à la crème: die besten, die es geben kann! Wir vermuten das Geheimnis in der Bio-Nidle (im «les halles» werden jene Zutaten gekennzeichnet, die nicht bio sind). Wem der Sinn stattdessen nach Fleisch steht, hält sich an das Beefsteak Tatar oder an die extrasaftige Bistecca und lässt sich aus dem Bag-in-Box den passenden Wein abfüllen (etwa den Merlot-Cabernet-Syrah-Grenache-Verschnitt namens Le Vrac, der mit dem kulinarischen Bric-à-brac beliebig kombinierbar ist). Zum Schluss einen «petit noir» und eine saftige Tarte tatin, die gerade mal einen Fünfliber kostet.
(Ausschnitt Artikel aus dem Gastroführer Zürich geht aus 2009).

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Brasserie Feeling mit Essen und Barbetrieb

Gut gelaufen

Die Idee Moules & Frites zum «produit phare» im
les halles zu machen, entstand aus Dilettantismus heraus und der Zeitgeist machte aus diesem Produkt in den letzten 20 Jahren einen «World seller» à la Pizza, Kebab & Co. Mit den Muscheln und dem les halles im Schlepptau ist in Zürich auch die Frankophilie wieder ein Schritt nach vorne gerückt. Die Restaurants haben heute nicht mehr ausschliesslich Italianità im Logo, überall spriessen wieder französische Namen.

Moules sind im Gegensatz zur Volksmeinung ein Ganzjahresprodukt geworden und werden in Nordfrankreich entlang der Atlantikküste kontinuierlich angezogen, wo sie in 16 bis 24 Monaten zu Speisemuscheln heranwachsen. Wir verbrauchen pro Tag zwischen 50 und 120 Kilogramm Moules und lassen diese jeden Abend ausgehen, damit am nächsten Morgen wieder frische Ware angeliefert wird. Also: Genug früh bestellen am Abend, bevor es keine Moules mehr hat….allez!

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Zwei postindustrielle Gartenterrassen, teilweise auf ehemaligen Bahngeleisen, laden ein zur Sommernacht im Industriegebiet
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