Reportage: Ersatzreligion Essen

Mit Chips vollgekrümmelt auf dem Sofa sitzen und in die Glotze schauen oder ein fettiges Schnitzel in die vor Öl triefende Pfanne hauen – ist was für Verlierer. Dabei wird man nur fett. Und wer fett ist, ist faul, sagt der bewusste Esser hinter vorgehaltener Hand. In Zeiten von Quality Time und Optimierungswahn gibt es auch in Sachen Ernährung Luft nach oben. Warum mixen die sich nicht in der Werbepause einen kalorienarmen, aber nahrhaften grünen Smoothie mit Kokoswasser und Chia Samen? Chia Samen sind reich an Omega-3-Fettsäuren und schützen das Herz. Powerfood ist was für Gewinner. Denn um Powerfood überhaupt essen zu können, braucht es zunächst das Wissen, was Powerfood überhaupt ist. Ja, Ernährung ist im Jahr 2016 eine zeit- und kostenintensive Sache, wenn man dem Pfad in ein besseres und «bewussteres Leben» durch Enährung (und Sport) anvisiert.

Etwa jeder 5. Deutsche kocht nur einmal die Woche selbst, elf Millionen Deutsche kochen nie, in jeder dritten Familie läuft beim Essen der Fernseher oder Computer/Tablet/Handy (Quelle: SüddeutscheZeitung Magazin). Da wird Essen zu einer ordinären Verrichtung wie Verdauen. Da ist auch der Spass am Essen weg, kein Wunder also, dass als Supply Ersatzreligionen beigezogen werden.  Oder es wird eben ausser Haus gegessen: Auswärts herrschen gedopte Geschmacksbilder – aromatische Überwürzung mit Mischaromen, Geschmackksverstärkern und Bindemitteln – vor. Das macht süchtig und bereits bei den Kindern werden die Junkies von Morgen gezüchtet. Kein Wunder also essen die Deutschen gemäss oben genannter Quelle 800 Millionen Currywürste im Jahr – Fleischabfälle mit Gewürzsauce, welche den Gaumen tapezieren und den ganzen Tag würzig aufstossen. Das Verständnis für feinere Geschmacksbilder geht so verloren, warum also noch kochen, wenn ich auswärts und von der Lebensmittelindustrie den «Stoff» so einfach bekomme.

Es folgen Beispiele von drei Ernährungsformen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. Diese sind in übespitzter Form geschrieben. Als Vorankündigung für diejenigen, welche keine Ironie in Textform und sonst auch keinen Spass verstehen:

Ersatzreligion 1: Veganismus

Eine Bekannte von mir ist Veganerin der ungemütlichen Art. Auf Facebook postet sie regelmässig Videos von Misständen in der Massentierhaltung. Fleischesser bezeichnet sie als Mörder, und degradiert sie zu schlechteren Menschen. Einmal führten wir bei einem Treffen eine ellenlange Diskussion über die manchmal zu recht prekären Verhältnisse in der Milchindustrie, während ich ein Käsesandwich fest umklammerte. Hardcore-Veganismus ist oft mit einer Ideologie verbunden. Nämlich der, die Welt zu einem besseren, tierfreundicheren Ort zu machen, was per se löblich ist. Nur sollte man das «leben und leben lassen» auch auf seine Mitmenschen anwenden.

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Sport und Ernährung = Transformation

Ersatzreligion 2: Fit, Fitter, Proteinpulver

Im Sport geht es während des Trainings immer um Muskel- und Konditionsaufbau, bei gleichzeitiger Haltung und gegen den Wettkampf hin Abnahme des Körpergewichtes oder Fettanteiles. Eine Ausnahme bilden vermutlich die Sumoringer. Für das Training sind Energielieferanten nicht zu vernachlässigen, im locker atmenden Fettverbrennungsmodus geht es zwar ohne Essen, sobald aber forciert wird ist Schluss und es müssen Zucker und Kohlenhydrate eingenommen werden. Meist aber wird während der Trainingsphase exzessiv auf Protein und Lowcarbo gesetzt. Bis zum Exzess: Mit Poteinpülverchen aufgepäppelt oder eben gemästet droht der Nierenschaden!

Während des Wettkampfes muss der Kalorienbedarf je nach Sportart gedeckt werden und es soll bekömmlich sein. Die Treibstofftanks sollten voll sein. Denn wenn Ihnen der Hunger, sprich Zuckermangel, im Wettkampf begegnet, ist es meist zu spät. Der Hammermann schlägt dann zu. Im Radsport heisst das im Fachjargon Hungerast: Schwindel, Frösteln, Schwanken, Blei in den Beinen, absteigen und mit zittrigen Fingern einen Beutel mit Kraftriegel zu öffnen versuchen. Carboloading ist deshalb am Morgen gefragt. Drei Stunden vor dem Wettkampf werden deshalb Teigwaren und Reis gefuttert, meist muss danach nur noch mit Flüssigkeit, Salz und Zucker nachgeschoben werden.

Auch im Sport gibt es natürlich Theorien und entsprechende Prediger. Meist sind es die Chemiker gegen die Gesundbeter. Isotonische Pulvergetränke werden gegen das Bio-Apfelsaft Schorle mit einigen Salzkörnern getauscht. Tierisches und pflanzliches Eiweiss gegeneinander ausgespielt.

Ersatzreligion 3: Clean Eating Stress

Kürzlich war ich an eine Grillparty in einer Wohnsiedlung eingeladen. Die Gastgeberin hatte die Nachbarin auch eingeladen. Diese winkte dankend ab. Sie könne leider nicht kommen, weil sie vegan ist. Hier sehe ich den Zusammenhang nicht. Es gibt ja auch Salate etc. In der Hand hatte sie ein Mineralwasser mit gefrorenen Himbeeren darin. Ich schaute später zu ihrem Terassenplatz rüber, während sich ihr Glas allmählich rosa färbte und mit Ihrer Freundin langsam der Gesprächsstoff ausging, während wir gesellig assen und tranken. Da fragte ich mich: Seit wann darf Essen keinen Spass mehr machen? Gibt es jetzt Grüppchenbildung wie früher in den Schulklassen? Die Coolen gegen die Aussenseiter. Und wer ist hier der Aussenseiter? Clean Eating (deutsch: sauberes Essen) ist eine Art sich so zu ernähren, dass man sich möglichst auf gesundes, unbehandeltes Essen fokussiert. Also wenig Zucker, wenig Salz, möglichst unbehandelt, lieber kein Gluten, und beste Qualität. Ich bin pro gutes Essen.

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Möglichst gesund und unverarbeitet: Und wo bleibt der Spass?

Und wo bleibt der Spass?

Essen ist ja eine ziemlich gesellige Sache. Man erinnere sich an die Auschweifungen der alten Römer, and die Festgelage im Mittelalter bis hin zu Einladungen zu grossen Familienfesten. Wenn jemand Angst vor ungesundem Essen hat, und dann einen Einladung ausschlägt, weil nicht aufgetischt wird, was er oder sie präferiert, finde ich das befremdlich. Oder der worst case: Er oder sie hat womöglich ein gröberes Problem. Seit einiger Zeit kursiert in der Ärztewelt der Begriff der Orthorexie. Das ist die krankhafte Angst vor ungesundem Essen. Seien Sie doch etwas weniger streng mit sich, falls Sie sich in diesem Text ein kleines bisschen wiedererkennen.

Biljana, Journalistin und les halles Mitarbeiterin

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