Reportage: Das Prinzip Surimi oder der Detailhandel heute

Ein gewerblicher Käser aus einer kleinen Provinz Frankreichs sagte es in einer Sendung über die Produktion von Camenbert auf der Kette TF1 treffend: «Die industrielle Lebensmittelproduktion funktioniert heute auf der ganzen Welt nach dem Prinzip Surimi. Rohstoffe werden irgendwo günstig eingekauft und nach länder- und konsumentenspezifischen Geschmackscodes zu grossverteilergerechten Produkten verarbeitet. Ob Sie einen industriell hergestellten Camenbert aus pasteurisierter überregionaler Milch oder einen unpasteurisierten Käse aus einer kleinen Region kaufen, ist kein wertbar guter oder schlechter Entscheid, sondern letztlich eine Stilfrage.»

Der kleingewerbliche Käser sitzt natürlich an einem kurzen Hebel, denn unser ganzes Leben wird heute durch das Prinzip Surimi und Billigangebote bestimmt. Unsere Futterstellen, die Grossverteilerketten, bieten seit Mitte Jahrhundert Lebensmittel in einer Form und zu einem Preis an, die das Leben radikal modernisiert haben. Gemüse wird nicht mehr hinter dem Haus angebaut und die Ausgaben für Lebensmittel sind inzwischen geringer als der Obulus an unsere Versicherungen oder unsere Freizeitbeschäftigungen.

Surimi (nach Crevetten aussehende und riechende Lebensmittelmasse)  in praktischen Röllchen

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Futterstelle im Euro-Format: auch immer häufiger in der Schweiz

Im Zusammenhang mit dem Prinzip Surimi stellt sich automatisch die Frage der Lebensmittelverteilung eines Landes. Mega-Grossverteilercenter wie ein MMM oder in Südeuropa ein Carrefour sind Futterstellen, welche die Entwicklung einer Region beeinflussen können. Bei der Neuerstellung eines Carrefour in der Region Uzès in Südfrankreich wurde den Regionalpolitikern vorgerechnet, dass das Einkaufszentrum zur Ansiedlung von 500’000 Neuzuzügern führen werde und dass sich das örtliche Gewerbe also freuen könne, anstatt das Projekt zu bekämpfen.

In der Tat, Duttis (Gottlieb Duttweiler) Erfindung der Migros hat in der Schweiz das Leben mindestens so umgewälzt wie die Industrialisierung. Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen waren damals nur im Eigenanbau möglich. Die Migros ersetzte allmählich den Hausgarten und leistete der Verstädterung Vorschub. In jedem Land entstanden solche Initiativen und Verteilorganisationen, es entwickelte sich ab dem zweiten Viertel des letzten Jahrhunderts überall eine länderspezifische Detailhandelslandschaft.

Aktionitis und gut verdientes Geld mit den Futterstellen führten zur Fusionitis. Ende des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die vormal sozialen Errungenschaften in der Schweiz zu Produzentenpreise drückenden Hansdampf in allen Gassen, alles wird zusammengekauft egal ob Interdicount, Möbelhaus, CCA und Gastroketten. In der Schweiz war hinter dem Deckmantel des Schutzes der Landesversorgung besonders viel Geld zu verdienen. Nebst dem Agrarschutz waren auch die danach gelagerten Verarbeitungsfirmen und der Detailhandel gut gegen aussen geschützt. Dies führte dazu, dass wir heute faktisch von einem Detailhandels-Duopol umgeben sind. Mit Ränkespielen rund um die Wettbewerbskommission und übersetzten Kaufpreisen für Retail Grundstücke oder Übernahmen – die Futterstellen haben trotz genossenschaftlicher Organisationsform zu prall vollen Kassen geführt – haben sich Migros und Coop fast alle ausländischen und Inländischen Brüder und Schwestern ausgetrickst und einverleibt.

Kleine Müsterchen gefällig? Das aufgebauschte Schreckgespenst von Aldi und Lidl hat mit Hilfe der Wettbewerbskommission  zum best möglichen Preis für die Denner-Gedoul-Familie geführt. Und die Migros ist nun endlich Eigner einer Tabak und Alkohol im grossen Stil vertreibenden Firma geworden. Oder: Der Niedergang oder Rausschmiss von Carrefour (immerhin die Nummer 2 im weltweiten Detailhandel, hat Carrefour entnervt von den Schweizer Rahmenbedingungen das Handtuch geworfen) hat bereits bei der von der Wettbewerbskommission genehmigten Verkauf von Waro an Coop stattgefunden. Das Besetzen von Grossverteiler-Schlüsselstellen findet ohne Wettbewerb und zu übersetzten Kaufpreisen statt.

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Die Nummer 2 im weltweiten Detailhandel rausgeekelt und Euroformat geerbt: Carrefour Hinwil adieu, Coop Hinwil Grüezi

Die Neuen dürfen den gesunden Wettbewerb als erstes mit Bewilligungverfahren um zweitklassige Neubauplätze in Angriff nehmen. Die logische Folge davon ist die Verhinderung von Wettbewerb und Wahlfreiheit bei den Produkten. Und die beiden orangen Riesen können uns ihr spannendes Heimspiel präsentieren: Auf Bio folgt Engagement, Auf Engagement folgt Berghilfe, Auf Budget folgt Prix Garantie, auf Selection folgt Fine Food, auf Annas Best folgt Betty Bossy. Spannend, nicht? In diesem Spiel geht auch der (fast) ewige Zweite Coop noch mit vollen Kassen ans weitere Werk.

Coop kaufte sich auch gleich alle vorgelagerten Verteiler zusammen. Der Gemüse-Detailhändler SGG-Waser und dann der Agrargrosshändler Steffen-Ris und als Fortsetzung die Prodega als Abhol-Grossmarkt und Transgourmet Lieferservice und und und und gehören heute auch zur Coop-Familie. Damit ist der direkte Zugriff auf die Gemüse- und Früchteproduzenten möglich. Nichts steht mehr im Wege, die vom Einkäufer dereinst erwünschten Riesenfrüchte mit Straffheit garantierender Epidermis oder Collagenzellen in der äusseren Rinde können so vom Produzenten bis zum Verteiler in Rekordzeit realisiert werden. Oder die gut schweizerisch verspätete Einführung von Gentechprodukten kann so schneller realisiert werden. Die Rohstoffe werden zu patentierbaren Marketingprodukten: die bei Coop im Kartonschächtelchen verpackten und von Syngenta mit einem Namen und Copyright versehenen violetten Tomaten zum Star-Preis durch Star-Marge verheisst nichts Gutes ausser noch prallere Kassen der Grössten Verarbeiter und Verteiler. Es wird in Zukunft damit zu rechnen sein, dass mit Kanonen auf die Spatzen der traditionellen Lebnsmittelherstellung und die Bauern geschossen wird, damit das Prinzip Surimi zu Ende geführt werden kann.

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Wo Gourmet drauf steht ist nicht immer Gourmet drin: Immer mehr Grossküchen und Grossverteiler bieten jämmerliche Convenience-Produkte für faule Konsumenten an. Gourmet to go!

Wie sich die beiden orangen Grossverteiler mit Hilfe der Agrargesetzgebung lästige Konkurrenz vom Hals halten

Seit den Weltkriegen kreist der Gedanke der schweizerischen Landwirtschaft immer wieder um die Selbsversorgung unseres Landes. Ursprünglich wollte man das Land auch bei kriegsbedingt geschlossenen Grenzen voll ernähren können. Auf der Bellevue Wiese im Zentrum Zürichs wurden deshalb während des Krieges Kartoffeln angebaut. Doch die Selbstversorgung wurde bald durch das Unwesen der Abschottung korrumpiert. Die Bauern merkten, dass in einem abgeschotteten Markt mehr zu verdienen ist. Die Agrargesetzgebung sollte den Schweizer Bauern helfen, sich gegenüber EU- und Weltmarktpreisen abzugrenzen. Dieser Reduit-Gedanke führte im Windschatten der Abschottung auch zu einem Vorteil für den inländischen Grossverteilermarkt. Das System von Zollschranken, Importverboten über das Drei Phasen System bis zu Import-Kontigentierung und Zolltarifizierung kam auch den Grossverteilern zugute. Sie haben sich jahrelang eingeschossen, Kontingente gesichert, Einkaufsstrukturen geschaffen, welche perfekt geölt in das System eingepasst wurde. So waren sie der lästigen ausländischen Konkurrenz im Lebensmittelsektor immer eine Nasenlänge voraus und den ausländischen Hard-Discountern wie Aldi und Lidl konnte bereits vor deren Markteintritt die Zähne gezogen werden. Mit ihrer auf Preise fokussierten Strategie vermochten die Eindringlinge auf dem Schweizer Markt zwar Fuss zu fassen, für einen durchschlagenden Erfolg reichte es allerdings nicht, der Marktanteil ist weniger als 3 %. Denn die Hochpreisinsel Schweiz verdankt die höheren Preise oft dem Agrar- und Importschutz und der gilt auch für Aldi, Lidl und früher Carrefour, welche ihre Billigprodukte nicht aus ihren heimischen Billiggefilden importieren konnten, sondern auf Schweizer Rohstoffe von Schweizer Zulieferer zurückgreifen mussten. Die Agrarbarone wie Zweifelchips (Kartoffeln) erreichten so ohne Wettbewerb als Zulieferer fast 100% Abdeckung des Schweizer Marktes……

Schaden für den Innovationsstandort Schweiz

Und der Kollateralschaden-Krimi geht gleich weiter. Der Lebensmittelsektor erwirtschaftet rund 18% des Schweizerischen Bip, ein Bedeutender Wirtschaftssektor also. Die Schweiz ist weltweit eines der führenden Länder, was technische Innovationen anbetrifft. Unsere Hochschulen gehören zu den Spitzenreitern. Leider nicht im Lebensmittelsektor: an einem ETH Alumni Kick Off Meeting zu einer neuen Food Revolution wurde festgestellt, dass die Foodinnovationen im Ausland gemacht werden (auch von Nestlé und Co). In unserem abgeschotteten Markt ist Innovation im grossen Stil nicht zwingend oder nicht möglich. Die Innovationen kommen im Foodsektor nicht von den «Grossen», sondern von den Kleinproduzenten, der KMU ist quasi der Innovator. Und da kommen wir zurück zur Aussage des gewerblichen Käseproduzenten in Frankreich und der angesprochenen Stilfrage beim Einkauf von Lebensmitteln. Underdog Food wie in England zum Billigsttarif gehört nicht ins Portfolio des Schweizer Detailhandels. Trotz Einheitsbrei konnte mit riesigen Kommunikationsbudgets der Qualitäts- vor den Preisaspekt geschoben werden. All die TV Spots mit glücklichen Hühnern und Schweinen und den fröhlichen Melodien zeugen davon. Unsere Insel produziert Labels mit «ideellen Zusatznutzen» im Hochpreissegment, guter Stil ist bei uns nachhaltig und das könnte in einer gentechnisch verschmutzten Welt bald zum Weltkulturerbe werden.

Glossar von agrarpolitischen Eckpunkten der Schweiz

Das Schoggigesetz und dessen Ende

Das „Schoggigesetz“ regelt Ausgleichsbeiträge für landwirtschaftliche Grundstoffe, die in verarbeiteter Form exportiert werden (Schokolade, Biscuits usw.). So wird der Unterschied zwischen den Inland- und Auslandpreisen dieser Rohstoffe ausgeglichen. Für landwirtschaftliche Rohstoffe, die über verarbeitete Produkte exportiert werden, können die Exporteure Beiträge über das „Schoggigesetz“ beantragen. Auf Grund dieses Gestzes zahlt der Bund Beiträge an die exportierende Nahrungsmittelindustrie, um deren Preise für Schweizer Milch und Getreide auf Weltmarktniveau zu bringen. Pro Jahr fliessen so um die 95 Mio. Fr. . Die Schweizer Exportsubventionen sind bald Geschichte, denn die jüngsten WTO-Beschlüsse (Welthandelsorganisation) verbieten im Grundsatz diese Exportsubventionen.

Aufhebung des Cassis-de-Dijon-Prinzipes

Wässriger Schinken, Maisstärke im Reibkäse: Meldungen über ausländische Produkte, die nicht dem Schweizer Standard entsprechen, haben nach Einführung des Cassis-de-Dijon-Prinzips die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Nun soll die Ware wieder aus den Regalen verschwinden. Das hat der Nationalrat im Mai 2015 mit der Aufhebung des 2009 eingeführten Cassis-de-Dijon-Prinzipes beschlossen. Für die Agrarlobby bedeutet dies eine Qualitätsstrategie, die Gegner sehen dies hingegen als Vorwand für mehr Protektionismus gegenüberdem Freihandel. Nun liegt der Ball beim Ständerat.

Initiative für Ernährungssicherheit 2016

Der Schweizer Bauernverband (SBV) hat am 8. Juli 2014 die „Initiative für Ernährungssicherheit“ eingereicht. Die Initiative verlangt, den Artikel 104 der Bundesverfassung mit einem neuen Absatz 104 a zu ergänzen.

INITIATIVTEXT

Art. 104a (neu) Ernährungssicherheit
1. Der Bund stärkt die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger, nachhaltiger inländischer Produktion; er trifft wirksame Massnahmen insbesondere gegen den Verlust von Kulturland, einschliesslich Sömmerungsfläche, und zur Umsetzung einer Qualitätsstrategie.
2. Er sorgt in der Landwirtschaft für einen geringen administrativen Aufwand und für eine angemessene Investitions- und Rechtssicherheit.

11. Übergangsbestimmung zu Art. 104a (Ernährungssicherheit)
Der Bundesrat beantragt der Bundesversammlung spätestens zwei Jahre nach Annahme von Artikel 104a durch Volk und Stände entsprechende Gesetzesbestimmungen.

Die Initiative ist umstritten. Nachhaltige inländische Produktion tönt immer gut, die Gegner beurteilen die Initiative hingegen als blutleer oder gar als Radrückdreher. Das ewige Geleier der schweizer Landwirte, welches sie im gemeinsamen Boot mit dem Duopol der Grossverteiler trotz Abschottung zu Verlierern macht….

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